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Die Kirschen am Markt

oder warum wir wieder lernen dürfen , im Moment zu leben
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  • Die Kirschen am Markt
  • 29. Mai 2026 durch
    Die Kirschen am Markt
    Raffaela Hofmann

    Die Kirschen am Markt oder 

    warum wir wieder lernen dürfen, 

    im Moment zu leben

    Heute war ich am Markt in Eisenstadt.

    Und obwohl ich diesen Ort schon oft besucht habe, war heute etwas anders.

    Vielleicht lag es an der Stimmung dieses frühen Sommertages. Vielleicht an den Farben der Obststände, am Duft von frischen Kräutern und reifen Früchten oder an diesem besonderen Gefühl von Echtheit, das man auf einem Markt noch spüren kann. Dort wirkt nichts perfekt inszeniert. Das Gemüse trägt kleine Macken, die Kirschen glänzen nicht extra poliert wie im Supermarktregal und genau deshalb fühlt sich für mich alles so lebendig an.

    Ich liebe dieses Treiben zwischen den Menschen. Die kurzen Gespräche. Das Lachen. Die kleinen Begegnungen, die sonst im Alltag oft verloren gehen. Es erinnert mich jedes Mal daran, wie sehr wir Menschen eigentlich Verbindung brauchen. Nicht nur WLAN und Dauererreichbarkeit. 

    Während ich gerade dabei war, mir eine Handvoll Kirschen einpacken zu lassen, stellte sich eine ältere Dame neben mich. Sie war weit über neunzig Jahre alt, hatte schneeweißes Haar, war wunderschön gepflegt gekleidet und trug dieses seltene, ruhige Lächeln im Gesicht, das nur Menschen haben, die viel erlebt haben.

    Sie schaute mich an und sagte mit einer Wärme, die mich sofort berührt hat:

    „Immer wenn ich Kirschen esse, erinnere ich mich an meine Kindheit.“

    Es war nur ein Satz. Und doch lag darin für mich eine ganze Welt.

    Ihr Blick wurde weich, fast verträumt. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass diese Frau nicht mehr am Markt in Eisenstadt stand, sondern irgendwo in ihrer Vergangenheit. Bei einem kleinen Mädchen, das voller Freude eine Handvoll Kirschen in den Händen hielt.

    Ich konnte nicht anders, als mehr wissen zu wollen. Also fragte ich sie spontan, ob sie mit mir gemeinsam auf der Bank ein paar Meter weiter Kirschen essen möchte.

    Und genau das taten wir.

    Wir saßen dort in der Sonne, mitten im Alltag, mitten im Leben, und plötzlich schien die Zeit langsamer zu werden.

    Sie begann zu erzählen.

    Von einer Kindheit, in der sie nicht viel hatten. Von einer Zeit, in der Lebensmittel kostbar waren und nicht jederzeit verfügbar. Kirschen waren damals nichts Selbstverständliches. Sie waren etwas Besonderes. Etwas, auf das man sich freute. Etwas, das man nicht nebenbei konsumierte.

    „Wenn ich besonders brav war“, sagte sie lächelnd, „dann bekam ich Kirschen.“

    Und während sie sprach, wurde mir bewusst, dass sie nicht einfach von Obst sprach.

    Sie sprach von Dankbarkeit und Wertschätzung.

    Von diesen kleinen Momenten, die sich tief ins Herz schreiben, weil man sie zu 100% erlebt hat.

    Sie erzählte mir, dass sie jede einzelne Kirsche langsam gegessen hat. Dass sie jede einzelne genossen hat, weil sie wusste, dass dieser Moment etwas Besonderes war. Und während sie das erzählte, strahlte ihr Gesicht wie das eines kleinen Mädchens.

    Diese Erinnerungen lebten noch immer in ihr.

    Nicht wegen der Kirschen selbst, sondern wegen des Gefühls, das damit verbunden war.

    Ich reflektierte währenddessen:

    Wie oft erleben wir Dinge heute noch wirklich bewusst?

    Wann haben wir aufgehört, kleine Momente zu feiern?

    Heute ist alles jederzeit verfügbar. Wenn wir etwas möchten, bestellen wir es online und am nächsten Tag liegt es vor unserer Tür. Wir leben in einer Welt des Soforts. Alles muss schnell gehen. Sofort verfügbar sein. Sofort beantwortet werden. Sofort funktionieren.

    Wir verlieren genau deshalb manchmal das Gefühl für den Wert der Dinge.

    Nicht, weil wir undankbar geworden sind. Ich denke eher, weil wir selten wirklich präsent sind.

    Wir essen und denken gleichzeitig an das nächste Meeting. Wir hören Menschen zu und greifen nebenbei zum Handy. Wir verbringen Zeit mit unseren Kindern und sind gedanklich schon wieder bei der nächsten Aufgabe.

    Wir sind körperlich oft irgendwo anwesend, aber innerlich längst woanders.


    Diese Frau hat mir heute wieder einmal gezeigt, was Achtsamkeit wirklich bedeutet.

    Achtsamkeit bedeutet nicht, perfekt ruhig zu sein oder stundenlang zu meditieren.

    Achtsamkeit bedeutet, dem Moment wieder Aufmerksamkeit zu schenken.

    Es bedeutet, das Leben nicht ständig zu überholen.

    Es bedeutet, eine Kirsche wirklich zu schmecken.

    Ein Gespräch wirklich zu hören.

    Einen Menschen wirklich anzusehen.

    Den Sommerwind auf der Haut zu spüren, ohne gleichzeitig schon beim Morgen zu sein.

    Während wir dort auf der Bank saßen, vibrierte mein Handy mehrmals in meiner Tasche. Mein nächster Termin rückte näher und ein Teil von mir wollte aufstehen und weitermachen. 

    Ich ignorierte es.

    Denn dieser Moment  hier auf der Bank ist Leben.

    Nicht die To-do-Liste.

    Nicht das permanente Funktionieren.

    Nicht der Stress, den wir so oft mit Wichtigkeit verwechseln.


    Die schönsten Augenblicke beginnen manchmal mit einer einfachen Frage.

    Mit einem offenen Herzen oder der mit einer Handvoll Kirschen.


    Vielleicht müssen wir gar nicht lernen, noch mehr zu erreichen.

    Vielleicht dürfen wir wieder lernen, mehr zu fühlen, mehr wahrzunehmen und mehr im Moment zu sein.

    Denn am Ende sind es nicht die perfekten Tage, an die wir uns erinnern.

    Es sind diese kleinen Augenblicke voller Echtheit, die bleiben.

    Ein Blick, ein Gespräch, ein Gefühl oder der der Geschmack von Kirschen an einem Sommertag auf einer Bank in Eisenstadt.


    Mein Impuls für dich heute:

    Nimm dir heute bewusst einen Moment nur für dich.

    Ohne Eile. Ohne Ablenkung. Ohne nebenbei schon beim Nächsten zu sein.

    Und dann genieße etwas ganz bewusst.

    Einen Kaffee.

    Ein Gespräch.

    Eine Umarmung.

    Oder vielleicht einfach eine einzige Kirsche.

    Denn genau dort beginnt das echte Leben. 

    Ich könnte gerade die ganze Welt umarmen.

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    Warum Hingabe die mutigste Form des Lebens ist.


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    Raffaela Hofmann

    Mentorin für Frauen im Umbruch

    Es ist nie zu spät für dein wahres Leben.

    Ich begleite Frauen dabei, sich selbst wiederzufinden und mutig ihr eigenes Leben zu gestalten.

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