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44.Ich habe aufgehört auf das Leben zu warten

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  • 44.Ich habe aufgehört auf das Leben zu warten
  • 19. Oktober 2026 durch
    44.Ich habe aufgehört auf das Leben zu warten
    Raffaela Hofmann

    44.  Ich habe aufgehört, auf das Leben zu warten. 

    Diese Woche werde ich 44. Und wenn ich eines gelernt habe, dann das: 

    Du kannst in deinem Leben unglaublich viel richtig machen und dich trotzdem irgendwann fragen, ob es eigentlich noch das Leben ist, das du führen möchtest.

    Ich kenne dieses Gefühl.

    Du stehst morgens auf. Organisierst den Alltag. Bringst die Kinder auf den Weg. Gehst arbeiten. Erledigst, entscheidest, kümmerst dich. Dazwischen Nachrichten, Termine, Verpflichtungen und die Frage, was es eigentlich heute zum Abendessen gibt.

    Du funktionierst.

    Und meistens sogar ziemlich gut.

    Von außen betrachtet ist alles in Ordnung. Du hast etwas aufgebaut, Verantwortung übernommen, einiges erreicht.

    Und trotzdem gibt es diese Momente.

    Vielleicht abends, wenn endlich Ruhe eingekehrt ist. Vielleicht im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Oder an einem Sonntag, wenn du plötzlich merkst, dass du dich auf Montag überhaupt nicht freust.

    Dann taucht eine Frage auf, die du im Alltag ziemlich erfolgreich verdrängen kannst:

    War's das jetzt? Oder kommt da noch etwas?

    Ich glaube, viel mehr Menschen kennen diese Frage, als wir uns gegenseitig eingestehen.

    Und ich glaube, sie verdient eine ehrliche Antwort.

    Vor einem Jahr sah mein Leben noch ziemlich anders aus.

    Diese Woche werde ich 44.

    Wenn mir jemand vor zwölf Monaten erzählt hätte, wie mein Leben heute aussieht, hätte ich vermutlich ungläubig gelacht.

    Ein neuer Job, in dem ich mich vom ersten Tag an willkommen und am richtigen Platz gefühlt habe.

    Eine neue Liebe. Dieses wunderbare Gefühl, einen Menschen kennenzulernen, sich zu öffnen, wieder zu vertrauen und zu merken, wie schön Nähe sein kann.

    Großartige Bühnen, inspirierende Begegnungen und die Möglichkeit, mit meiner Arbeit Menschen zu bewegen.

    Und mittendrin meine zwei wunderbaren Kinder, die mich täglich daran erinnern, worauf es wirklich ankommt.

    Ich bin gerade ziemlich verliebt. In mein Leben.

    Aber ich möchte auch erzählen, was hinter diesem Gefühl steckt.

    Denn zwischen dem Leben von damals und dem von heute liegen Entscheidungen, die alles andere als leicht waren.

    Es gab Unsicherheit, Tränen, Zweifel und Momente, in denen ich selbst nicht wusste, wie das alles ausgehen würde.

    Und natürlich diese wunderbare Frage, die unser Gehirn besonders gerne stellt, wenn wir gerade etwas Mutiges vorhaben: „Bist du eigentlich komplett wahnsinnig?“

    Das Gemeine an Veränderungen ist, dass wir vorher selten wissen, ob sie sich auszahlen.

    Stell dir vor, du sitzt seit Jahren im selben Job.

    Du kennst die Menschen, die Abläufe, die Erwartungen. Du bist gut in dem, was du tust.

    Aber irgendwann merkst du, dass dir etwas fehlt.

    Vielleicht Entwicklung oder Wertschätzung oder das Gefühl, mit deiner Arbeit wirklich etwas zu bewirken.

    Du schaust dir Stellenanzeigen an. Denkst über einen Wechsel nach. Erzählst vielleicht einer Freundin davon.

    Und dann kommen sie, die vernünftigen Argumente:

    • „Eigentlich habe ich es eh gut.“
    • „Wer weiß, ob es woanders besser ist.“
    • „In meinem Alter noch einmal neu anfangen?“
    • „Was, wenn ich scheitere?“

    Also bleibst du.

    Ein Monat vergeht. Dann ein Jahr. Vielleicht fünf.

    Und irgendwann gewöhnst du dich sogar daran, dass du dich jeden Sonntagabend ein bisschen schwer fühlst.

    Dasselbe passiert in Beziehungen.

    Man arrangiert sich. Redet sich ein, dass es überall Schwierigkeiten gibt. Dass man schließlich Verantwortung trägt. Dass andere Menschen auch nicht glücklicher sind.

    Manchmal stimmt das alles.

    Aber manchmal verwenden wir diese Argumente auch, um einer Entscheidung auszuweichen, vor der wir Angst haben.
    Wir fragen uns ständig, was passieren könnte, wenn wir etwas verändern. Viel seltener fragen wir uns, was mit uns passiert, wenn wir es weitere zehn Jahre nicht tun.

    Diese Frage hat für mich eine enorme Kraft.

    Denn auch das Bleiben ist eine Entscheidung. Und auch sie hat Konsequenzen.

    Manchmal ist das Schwerste, andere Menschen zu enttäuschen.

    Ich glaube, darüber sprechen wir viel zu wenig.

    Wir reden über Selbstbestimmung, Grenzen setzen und persönliche Entwicklung.

    Klingt wunderbar.

    Bis die eigene Entscheidung plötzlich Auswirkungen auf andere hat.

    Bis jemand enttäuscht ist.

    Bis du merkst, dass dein neuer Weg vielleicht nicht zu den Vorstellungen deiner Eltern, deiner Kolleg:innen, deines Partners oder deines Umfelds passt.

    Und dann?

    Gerade wir Frauen haben oft früh gelernt, dass wir möglichst viel unter einen Hut bringen sollten.

    Eine gute Mutter sein. Eine verlässliche Kollegin. Eine liebevolle Partnerin. Eine aufmerksame Freundin.

    Und bitte dabei freundlich bleiben, gut aussehen und die Geburtstagsgeschenke rechtzeitig besorgen.

    Ich übertreibe ein bisschen. Aber wirklich nur ein bisschen. 😉

    Ich kenne das schlechte Gewissen.

    Wenn ich beruflich unterwegs bin und meine Kinder vermisse.

    Wenn ich mir Zeit für mich nehme und gleichzeitig darüber nachdenke, was ich zu Hause noch erledigen müsste.

    Wenn ich merke, dass meine Energie endlich ist, meine Ansprüche an mich selbst aber offenbar nicht.

    Mit 44 lerne ich immer besser:

    Ich kann Menschen lieben und trotzdem eigene Bedürfnisse haben. Ich kann Verantwortung übernehmen und trotzdem Grenzen setzen. Ich darf glücklich sein, auch wenn andere meine Entscheidungen nicht verstehen.

    Das ist für mich gelebte Selbstführung.

    Und ganz nebenbei eine der anspruchsvollsten Übungen überhaupt.

    Ich möchte meinen Kindern etwas vorleben, das ich selbst erst lernen musste.

    Meine Kinder sind mein größtes Glück.

    Und sie sind auch diejenigen, die mich manchmal am meisten herausfordern.

    Sie erleben mich als Mutter, die arbeitet, organisiert, lacht, schimpft, Fehler macht, sich entschuldigt und gelegentlich ziemlich müde ist.

    Sie erleben, dass ich Dinge verändere.

    Dass ich Entscheidungen treffe, auch wenn ich vorher nicht alle Antworten kenne.

    Und ich hoffe sehr, dass sie daraus etwas mitnehmen.

    Denn was sagen wir unseren Kindern?

    „Trau dich!“

    „Glaub an dich!“

    „Du kannst alles schaffen!“

    Und was leben wir ihnen manchmal vor?

    • Dass Sicherheit wichtiger ist als Zufriedenheit.
    • Dass man unangenehme Situationen lieber aushält.
    • Dass man immer zuerst schauen sollte, was die anderen denken.
    • Dass man sich selbst besser zurücknimmt, damit es für alle passt.

    Kinder hören, was wir sagen. Aber sie beobachten vor allem, wie wir leben.

    Ich wünsche mir, dass meine Kinder später einmal Beziehungen führen, in denen sie sich wohlfühlen. Dass sie Berufe wählen, die ihnen Freude machen. Dass sie sich Hilfe holen, wenn sie welche brauchen.

    Und dass sie wissen, dass ein Neuanfang keine Niederlage ist.

    Dafür muss ich selbst bereit sein, ihnen auch meine Unvollkommenheit zu zeigen.

    Vielleicht ist eine Mutter, die ihren Kindern vorlebt, wie man mutig und verantwortungsvoll Entscheidungen trifft, ein viel wertvolleres Vorbild als eine, die versucht, immer alles perfekt zu machen.

    Zumindest hoffe ich das.

    Die Sache mit dem Älterwerden

    Mit 25 dachte ich, mit 40 hätte man das Leben halbwegs verstanden.

    Herrlich, oder? 😂

    Heute weiß ich: Mit 44 tauchen mindestens genauso viele Fragen auf.

    Nur gehe ich anders mit ihnen um.

    Ich muss nicht mehr bei jeder Diskussion recht haben.

    Ich kann akzeptieren, dass mich manche Menschen nicht mögen.

    Ich kann Nein sagen und das unangenehme Gefühl danach aushalten.

    Ich weiß, dass ich Fehler machen werde. Und dass ich trotzdem eine kompetente Frau, eine gute Mutter und ein liebenswerter Mensch sein kann.

    Und ja, ich stehe manchmal morgens vor dem Spiegel und denke mir, dass die Falten in meinem Gesicht offenbar eine ziemlich erfolgreiche Familienplanung betreiben.

    Aber dann denke ich auch daran, was dieses Gesicht schon alles erlebt hat.

    Wie viel ich gelacht habe.

    Wie oft ich geweint habe.

    Wie viele Menschen ich kennenlernen durfte.

    Wie oft ich aufgestanden bin, obwohl ich eigentlich keine Kraft mehr hatte.

    Ich möchte mit 44 keine 25 mehr sein. Ich möchte all das behalten, was ich auf dem Weg hierher über mich gelernt habe.

    Und meine große Klappe sowieso. 

    Glücklich sein bedeutet für mich heute etwas anderes.

    Früher hätte ich Glück vielleicht stärker mit bestimmten Zielen verbunden.

    Wenn ich diesen Job habe.

    Wenn ich das geschafft habe.

    Wenn sich diese eine Sache endlich geklärt hat.

    Dann kann ich zufrieden sein.

    Heute erlebe ich Glück oft in ganz anderen Momenten.

    Wenn eines meiner Kinder mich spontan umarmt.

    Wenn ich nach einem Workshop merke, dass bei einem Menschen gerade etwas in Bewegung gekommen ist.

    Wenn ich mit meinem Partner telefoniere und mich auf unser nächstes Wiedersehen freue.

    Wenn ich mit Menschen zusammenarbeite, bei denen ich mich weder verstellen noch kleiner machen muss.

    Wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme und einfach nur denke: Das war heute richtig gut.

    Das sind keine spektakulären Momente.

    Aber sie machen für mich den Unterschied zwischen einem vollen Kalender und einem erfüllten Leben.

    Meiner Meinung nach brauchen wir gar nicht immer mehr vom Leben. Vielleicht müssen wir viel genauer hinschauen, was unser Leben wirklich reich macht. Und manchmal müssen wir dafür auch Platz schaffen.

    Dankbarkeit ist kein Dauerlächeln.

    Ich bin zutiefst dankbar für mein Leben.

    Für meine Kinder. Meine Gesundheit. Die Liebe. Meine Familie und Freunde.

    Für Menschen, die mir Vertrauen schenken. Für die Möglichkeit, auf Bühnen zu stehen, Ideen umzusetzen und mit meiner Arbeit etwas zu bewegen.

    Aber Dankbarkeit bedeutet für mich nicht, dass ich jeden Tag glücklich aufwache.

    Manchmal ist mir alles zu viel.

    Manchmal fehlt mir die Geduld.

    Manchmal möchte ich einfach nur meine Ruhe haben, während mein Kopf noch fünf offene To-dos durchgeht.

    Und manchmal gibt es Situationen, die ich mir anders gewünscht hätte.

    Dankbarkeit bedeutet für mich, das Gute sehen zu können, ohne das Schwierige schönreden zu müssen.

    Ich glaube, wir dürfen beides gleichzeitig empfinden.

    Stolz auf das, was wir geschafft haben, und traurig über das, was wir verloren haben.

    Glücklich über einen Neuanfang und unsicher, wie es weitergeht.

    Voller Liebe für unsere Kinder und manchmal völlig erschöpft vom Elternsein.

    Das eine macht das andere nicht weniger wahr.

    Und vielleicht sollten wir viel öfter aufhören, uns für diese Widersprüche zu verurteilen.

    Was ich mit 44 anders machen möchte


    Ich möchte noch bewusster darauf achten, wofür ich meine Zeit verwende.

    Denn Zeit ist etwas Eigenartiges.

    Wir behandeln sie oft, als hätten wir unendlich viel davon.

    Wir verschieben Gespräche.

    Wir sparen uns Wünsche für später auf.

    Wir sagen: „Wenn es ruhiger wird.“

    Aber wann genau soll dieses ruhiger eigentlich kommen?

    Wenn die Kinder größer sind? Wenn das nächste Projekt abgeschlossen ist? Wenn wir in Pension gehen?

    Ich möchte jedenfalls nicht irgendwann feststellen, dass ich jahrelang auf ein Leben gewartet habe, das ich längst hätte mitgestalten können.

    Das heißt für mich ganz konkret:

    • Ich möchte öfter Ja sagen zu Dingen, die mir Freude machen.
    • Ich möchte früher Nein sagen, wenn meine Grenzen erreicht sind.
    • Ich möchte Menschen, die ich liebe, auch sagen, wie wichtig sie mir sind.
    • Ich möchte weiter lernen, Fehler machen, lachen, auf Bühnen stehen, neue Ideen ausprobieren und mich manchmal selbst überraschen.
    • Ich möchte mir erlauben, Pläne zu ändern.

    Auch mit 44. Auch mit 54. Und hoffentlich noch mit 84.

    Und jetzt möchte ich dich etwas fragen.

    Vielleicht liest du diesen Text gerade zwischen zwei Terminen.

    Vielleicht am Abend auf der Couch.

    Vielleicht bist du zufrieden mit deinem Leben. Dann freue ich mich von Herzen für dich.

    Vielleicht spürst du aber auch schon länger, dass etwas nicht mehr passt.

    Eine berufliche Situation, die dich auslaugt.

    Eine Beziehung, in der du dich selbst kaum wiedererkennst.

    Ein Alltag, in dem für alle Platz ist, nur für dich selbst kaum.

    Oder ein Wunsch, den du seit Jahren mit dir herumträgst und immer wieder auf später verschiebst.

    Dann möchte ich dir drei Fragen mitgeben:

    1. Was in deinem Leben kostet dich gerade mehr Kraft, als du dir selbst eingestehen möchtest?

    2. Was würdest du einem Menschen, den du liebst, raten, wenn er in genau deiner Situation wäre?

    3. Was wäre ein erster kleiner Schritt, den du tatsächlich diese Woche gehen könntest?


    Stell dir vor, du feierst in genau einem Jahr deinen nächsten Geburtstag. Was müsste sich bis dahin verändert haben, damit du mit einem Lächeln zurückblickst und sagst: „Gut, dass ich mich damals getraut habe“?

    Vielleicht lohnt es sich, genau damit heute anzufangen.

    in Aktuelles
    Glückwunsch.  Du bist einzigartig. Genau wie alle anderen.


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