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Der Reiche und die Badehose –

oder: Woran man erkennt, was man nicht sehen kann.
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  • Der Reiche und die Badehose –
  • 17. August 2026 durch
    Friedhelm Boschert


    Blauer Sommerhimmel, Liegestuhl im Schatten, vor mir die wild gezackten Berge und in der Hand Max Frischs „Fragebogen“ . Ein schmales Büchlein aus dem Jahr 1992, gerade mal 90 Seiten, gefüllt mit Fragen über Fragen. Fragen zur Menschheit, zur Ehe, zur Freundschaft, zum Humor und – zum Geld. Mitunter verstörend, oft irritierend, zumeist provozierend, teilweise unmöglich – aber immer fordernd, immer mit dem unausgesprochenen Unterton: nicht so schnell, denk doch noch mal nach, schau nochmals hin, mach eine Tiefenbohrung. So blieb ich an dieser so einfach daherkommenden und letztlich doch vertrackten Frage hängen: „Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotz allem den Reichen?“

    Na ja, also so schwierig … - und schon stocke ich.

    Und frage mich erst einmal grundsätzlich: Warum eigentlich sollte ich vorrangig überhaupt die finanzielle Ausstattung meines Gegenübers in der Badehose herausfinden müssen? Zählt „Reichtum“ zu jenen Merkmalen, die man unbedingt über jemanden – und schon gar als erstes - in Erfahrung bringen sollte? Warum nicht eher: wie erkenne ich, ob er gebildet ist oder nicht? Ob er einen gradlinigen Charakter hat? Ob er treu sein kann? All das könnte ja ebenfalls das Ziel meiner Inquisition sein. Was versuchen wir denn in einer solchen Gesprächssituation – Badehose (!) - vorrangig herauszufinden? Alter, Herkunft, Familie, geschlechtliche Orientierung? Inder knappen Badehose bieten wir uns ja ungeschützt von jeglicher Ober-Kleidung und farblicher Schminke der Mit-Welt und dem Gegenüber in purer Form dar; wir sind gewissermaßen reduziert auf unseren bloßen Leib. Und Frisch lädt uns ein, aus dieser ungewohnten Perspektive auf den Reichtum oder Nicht-Reichtum eines barfüßigen Gegenübers zu schließen.

    Vielleicht motivierte Max Frisch das scharfe Beobachten der Alltagsgespräche in unserem Kulturkreis zu dieser Frage. Dort versuchen wir uns ja häufig und rasch ein Bild der finanziellen Potenz des Gegenübers zu machen, damit wir …. Ja, nun stocke ich schon wieder. Weil wir’s so gelernt haben? Weil wir damit auf eine soziale Rangordnung schließen können – er/sie über mir, unter mir, auf Augenhöhe? Aber ehrlich: wir sind doch beide in der Badehose, brauche ich da dieses Wer-ist-wer-und-wo-in-der-Sozialen-Skala-Spiel? Und ach ja: Ich bleibe angesichts der Badehose beim Maskulinum, Max Frisch spricht ja nicht vom „Bikini“ oder dem „Badeanzug“.

    Schon der erste Satz meines Gegenüber in der Badehose klingt verdächtig nach Reichtum. „Schau dir an, wie sie alle wie die kleinen roten Würstchen auf dem Grill aufgereiht nebeneinander liegen und braten.“ Will er mir damit sagen, dass er bestimmt nicht zu diesen Kreisen gehört? Und wer sind „die“? Die „Ich-krieg-schon-kein-Hautkrebs-mit-dem-50+-Sonnenschutz-faktor“-Fraktion? Die Pauschalreisenden? Das gemeine Volk? Weil er es wohl nicht nötig hat, sich in diese Grillage einzureihen? Also, so schließe ich, gehört er nicht zu „diesen“ Kreisen. Aber was nun? Mmmmh, und was mache ich nun damit? Liegen Reiche nicht in der Sonne? Die Blässe voriger Jahrhunderte war ja des Adels Ausweis, ein Klassen-Attribut. Aber das scheint mir zwischenzeitlich, spätestens seit dem Erscheinen der Geissens auf demBildschirm, doch kein ausreichender Hinweis mehr auf  soziale Höherstellung und Reichtum. Gesundheit hin oder her, auch die Reichen sind heute tiefengebräunt. Sie liegen vielleicht nicht aufgereiht in Lignano am Strand, aber vielleicht auf dem Vorderdeck einer Yacht? Im Grunde bin ich also auf der Suche nach einer guten Antwort noch nicht viel weiter vorangekommen.

    Schauen wir, wie sich das Gespräch in der Badehose weiterentwickelt: „Zwei Campari!“ und „Sie trinken doch mit?“. Aha, hab’s doch gewusst. Kein „bitte“ in der Bestellung, der herrische Ton der Reichen, die ungefragte Einladung – der muss doch Geld haben. Mit so einem Habitus. Oh ja, das könnte nun ein Weg zur Antwort sein. Habitus - das war doch einer der Schlüsselbegriffe des französischen Soziologen Pierre Bourdieux. Der Habitus als unser unbewusstes soziales Betriebssystem. In seiner Abhandlung über „Die feinen Unterschiede – La Distinction“ zeigt Bourdieux, dass sich Reichtum im Gespräch häufig gerade durch das verrät, was eben keiner weiteren Erklärung bedarf – der Geschmack, das Selbstverständliche, die Unterscheidung. Der Habitus bestimmt, wie selbstverständlich wir über etwas sprechen, das wir schön finden, das teuer ist, das derzeit kultureller Standard ist, eben alles, was „uns“ anders macht.

    Da ich von meinem Gegenüber also nichts als Worte, Gestik, Mimik und die Badehose habe, nehme ich Bourdieux beim Wort und achte auf alles, was er mir so beiläufig serviert. „Also bei uns in Döbling war es letzte Woche durch die vielen Bäume nicht ganz so heiß …“ oder „… waren wir noch rasch im Steirer Eck essen“. Eine feine Methode, den eigenen – besonderen - Status ganz einfach en passant mitzuteilen. Die Wohngegend der Wohlhabenderen, die abhebt, das teure Restaurant, dessen Besuch man sich leisten kann – und andere nicht. Ja, gerade diese Beiläufigkeit erzählt vom Reichtum, auch in der Badehose. Komme ich also so zu meinen Antworten?

    Und was ist mit dem „trotz allem“ in der Frage? Trotz der Badehose – das hatten wir ja schon. Aber Frisch schreibt „trotz allem“? Was also noch? Sonnenbrand? Goldkettchen – ein ganz untrügliches Zeichen für Neureiche. Oder nicht? Mmmh. Achtung: Klischee! Lassen wir also das Goldkettchen lieber mal weg. Nur in der Badehose also steht das Menschlein tiefengebräunt vor mir. Na klar doch, riecht sofort nach ganzjährigem Urlaubspendeln zwischen der Karibik und den Malediven. Und dabei ist dieser Kerl doch noch keine Fünfzig, schätze ich rasch. Und spielt hier schon vollgebräunt den reichen Macker. Wie soll ich aber auf diesem Weg nun aufReichtum schließen? Nach dem amerikanischen Soziologen Thorstein Veblen – Die Theorie der feinen Leute, 1899 - zeigen Menschen ihren Reichtum nicht nur durch Konsum, sondern vor allem dadurch, dass sie augenfällig demonstrieren können, ihre Zeit nicht vollständig produktiver Arbeit widmen zu müssen. Augenfällig! Das ließe sich doch ganz gut über die Hautfarbe bewerkstelligen? Mmmmh, und was ist mit dem braungebrannten Gärtner? Dem sonnenverbrannten Bauarbeiter? Da erkennen wir „trotz allem“ nicht gerade sehr viel Reichtum. Also, schieben wir die Tönung der Haut als Reichtums-Indikator doch lieber mal beiseite. Augenfällig dagegen die – wieder beiläufigen – Erzählungen vom Frühlings-, Sommer-,Herbst- und Winterurlaub: „Also da müssen wir einfach weg“. Tja, es "müssen“ die feinen Leute, es „dürfen“ die gemeinen Menschen. Da hätten wir also die Beiläufigkeit und die Augenfälligkeit zusammen. Ach ja, und Max Frisch hat mit dem „Badehosen-Setting“ den Menschen gewissermaßen fast aller Statussymbole aus Veblens demonstrativem Konsum beraubt: Keine Rolex. Kein Maßanzug. Kein Porsche. Keine Versace-Brille. Nur die Gucci-Badehose. 

    Aber ich schaue weiter, ob ich vielleicht bei den Philosophen fündig werden kann im Bemühen, dem Badehosen-Gegenüber die finanzielle Potenz zu entlocken. Vielleicht hilft hier Epiktet weiter: Nicht großer Besitz zeigt den Reichtum, sondern die wenigen Bedürfnisse. Oh ha, also erkennen wir den Reichen daran, dass er nicht bedürftig klingt. Na, dann werden wir mal hinhören, welche Bedürfnisse mein Gegenüber in der Badehose (noch) hat, ob er vielleicht sogar wenig bedürftig klingt. Aber sogleich stocke ich: bedürftig nach was? Nach wem? Sagt er uns: „Wäre doch schön, zu zweit auf Reisen zu sein.“ Klingt das bedürftig, nach Nähe, nach Zuneigung, nach Begleitung? Ja schon, dann also wäre der Gegenüber in der Badehose vor mir doch kein Reicher, oder? Klar doch, Epiktet meinte natürlich den inneren Reichtum der Menschen, der sich im genügsamen „Ich brauche das nicht“, in der Unabhängigkeit vom Begehren ausdrückt. Doch diese Dimension des Reichtums blende ich hier bewusst aus – und bleibe weiter auf der materiellen Seite.

    Mit der sich Simmel ausführlich beschäftigte. Nein, nicht jener Johannes Mario, der uns in den 70er Jahren so blendend unterhalten hat. Ein paarJahrzehnte davor hatte der Soziologe Georg Simmel dem Gelde seine ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Nicht mit der eleganten Leichtigkeit seines Namensvetters. Doch ist die „Philosophie des Geldes “ durch deren gedanklichen Scharfsinn und die intellektuelle Präzision auch noch heute, 126 Jahre nach Erscheinen, eine anregende Lektüre. „Reichtum zeigt sich sprachlich zuerst im Verhältnis zur Möglichkeit.“ , doziert Simmel an einer Stelle. Ja, zugegeben, echtes Soziologendeutsch – aber ich werde mich nicht gleich entmutigen lassen, vielleicht hilft mir dieser Zugang beim Lösen des Badehosen-Reichtums-Rätsels. Spricht mein Gegenüber eher von den spürbaren Zwängen und Begrenzungen im Alltag, dann scheint er etwas nicht zu haben, was die Wohlhabendenden und Reichen – zu diesem Unterschied komme ich noch – zuhauf haben: Wahlmöglichkeiten. Die sich eben auch in der Sprache ausdrücken. Zeige mir, wovon du unabhängig bist, und ich erkenne deinen Reichtum. Unabhängig sein, alle Wahlmöglichkeiten zumindest zu haben, und das auch in der Sprache spürbar werden zu lassen, kann recht klar auf einen mehr oder weniger großen Reichtum hindeuten. „Also ehrlich, für den Ski-Urlaub tat ich mir schon schwer mit derEntscheidung zwischen Davos, St. Moritz und Aspen …“.

    Max Frisch spricht von „dem Reichen“, nicht vom „Wohlhabenden“. Könnte mir diese Unterscheidung vielleicht bei der Suche nach einer Antwort weiterhelfen? Hat der Reiche mehr Geld als der Wohlhabende – oder weniger? Oder zeigt sich der Wohlhabende nicht in der Badehose, der Reiche dagegen schon? Mmmh, wohlhabend klingt irgendwie distinguierter als nur „reich“ . Wenn ich mal den verarmten Adel beiseitelasse, dann assoziiere ich wohlhabend doch eher mit einer aristokratischen Lebensweise, also zumindest mit einem gepflegten Lebensstil und einem beherrschten Verhalten. Für den amerikanischen Geld-Autor Morgan Housel kann sich der Reiche mit dem vielen Geld alles kaufen, was er sich wünscht. Der Wohlhabende dagegen pflegt eine wahrnehmbare Distanz zum vielen Gelde, was ihm „ein gewisses Maß an Kontrolle darüber, was Geld mit ihm und seinem Leben anrichtet“, behält. Also könnten wir den echten Reichen nicht nur mühelos an seiner Louis-Vuitton-Badehose erkennen, sondern auch daran, dass er eben ständig davon spricht, was er sich alles leisten kann. Und so empfinde ich bald echtes Mitleid mit meinem Luxus-Badehosen-Gegenüber: Hat es wohl nur in den Club der Reichen geschafft und hat den Schritt zum Wohlhabenden aber leider nicht gehen können. Armer Reicher!

    Ach herrje! Bin ich nun doch wieder einem Klischee aufgesessen? Mit dem ich es mühelos in Gustave Flauberts „Wörterbuch der Gemeinplätze“ von 1911 schaffen würde. Sätze also, „die man eben so sagt, ohne noch darüber nachzudenken“. Bilder und Geschichten, die gerade in Bezug auf Geld und Reichtum im Alltag in Hülle und Fülle vorhanden sind. Weil sie zu den ersten Dingen gehören, die wir als Kind im Leben lernen. Und wir uns dann das ganze Leben ausgiebig aus diesem reichhaltigen Fundus bedienen – gerade wenn es um die Frage nach dem reichen Menschen in der Badehose geht. Also, Vorsicht beim schnellen Beantworten solcher Fragen – Gemeinplätze und Klischees drohen!

    Mir jedoch platzt nach dem vielen Abwägen und dem geduldigen Recherchieren, nach dem ganzen Hin-und-Her des Diskutierens und Kombinierens der emotionale Kragen. Und ohne Vorwarnung werfe ich meinem ahnungslosen Badehosen-Gegenüber geradewegs an den Kopf: „Sind Sie eigentlich reich?“.

    in Essays


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